AUFFÜHRUNG VON PIERRE THILLOYS „KHOJALY 613“ IN DER EGLISE SAINT-ROCH

2. März 2014 – Élisabeth Schneiter

Aus der absoluten Stille der Pariser Pfarrkirche Saint-Roch erhebt sich eine Melodie, als die Stimme der Klarinette plötzlich den ganzen Raum einnimmt. Die Stimme nähert sich und schreitet im Tempo des Solisten vorbei, der sich durch den Mittelgang langsam seinen Weg vom Eingang zum Altarraum bahnt. Wie wunderschön und ruhig er dabei ist: Kinan Azmeh. 

Zunächst warten die stummen Musiker. Dann folgt die stürmische Begrüßung der Streicher, auf der die Melodie der Klarinette zu treiben beginnt wie ein Floß auf hoher See. Die Klarinette singt nicht allein. Sie beginnt ein Zwiegespräch mit der Violine. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Die beiden Stimmen werden auseinandergerissen, quälen den Hörer. In einem Moment vermischen sie sich, streben im nächsten wieder auseinander – um schließlich wieder zusammenzukommen und miteinander zu tanzen. Derweil erzeugen die Violinen im Hintergrund eine Vision von weißen Derwischen. Sie wirbeln und wirbeln, bis sich allmählich ein mächtiger Strudel bildet, der alles in sich hinein saugt und mit sich hinab zieht. Es ertönt eine einsame Stimme, eine Stimme aus Streichern oder Einfachheit, wie ein Wesen, das plötzlich aus dämmrigem Licht ersteht. Dann mehr Streicher, ein ganzer Chor aus 613 Seelen. Vielleicht der Chor all der Menschen, die in jener Nacht auf beiden Seiten abgeschlachtet wurden, wer und wo auch immer sie sind. „Vergeben, aber nicht vergessen“, hieß es in der Einführungsrede. Auch: „Hoffnung auf Versöhnung“. Komponiert zum Gedenken an die 613 aserbaidschanischen Zivilisten, die am 26. Februar 1992 in der aserbaidschanischen Stadt Xocalı in der Region Bergkabarach ermordet wurden, die armenische Streitkräfte mit Unterstützung des 366. Regiments der Sowjetarmee besetzt hatten, wurde Khojaly 613 als Eröffnungswerk eines Konzerts aufgeführt, das „The European Azerbaijan Society“ für den 24. Februar organisiert hatte.

Das Werk von Pierre Thilloy ist ein ausdrucksstarkes, bewegendes, melodiöses und mitreißendes Musikstück, das weit über das Ereignis hinausgeht, von dem es inspiriert ist, durchdrungen von all der Universalität des Bösen, dem Unglauben angesichts solcher Gräueltaten und einer Form von Hoffnung, die nur wahre Visionäre aufbringen. Als Visionär des Klanges nimmt Pierre Thilloy uns mit auf einen Rundflug über das universelle Theater sinnloser Kriege. Fünf nörgelnde Noten drücken entweder eine Erscheinung oder eine Auslöschung aus. Am Himmel sind Farben, kreischende Flammen und eine Anziehungskraft, Unordnung, eine marschierende Armee, die unausweichlich näherkommt. Der erste Satz endet auf einer sehr hohen Note. Wie die Hoffnung, oder die Trauer über das Hoffen-Müssen. Dann knurren die Streicher erneut, und die Musik wird anschaulicher, erinnert an das Panorama einer riesigen, stillen Landschaft. Plötzlich ein paar Worte – wie „Bergkarabach“ – deren Silben klingen wie der Klang der schweren Stiefel marschierender Soldaten. Paradierende Bataillone. Chaos. Durcheinander. Stille. Die Musik erstreckt sich in ein langes, überblendetes Ende, wieder auf einer sehr hohen Note, die klingt wie eine leise Hoffnung.

Wieder Andenken an vergangene Leben, Leben von früher, oder Leben, die weitergehen. Bilder von Tälern und Wäldern. Vom Leben allgemein und dem Leben einzelner Menschen. Die Violine singt aserbaidschanische Lieder, als der Bogen von Sabina Rakcheyeva auf den gespannten Seiten zu tanzen beginnt. Dazu singt das Cello eine wiederkehrende Melodie. Bergkarabach. Kaum spürt man den Drang, wegzulaufen, um dieser Disharmonie zu entkommen, wird man hinterrücks von der kreischenden Klarinette und stichelnden Streichern attackiert. Die einsame Violine singt vor dem Klang der Klarinette, die – wie der Wind – eine andauernde hohe Note verbreitet und traurig-grausame Geschichten erzählt mit erstaunlichen, beängstigenden Klängen, die Kinan Azmeh seinem Instrument entlockt: Momente stillen Terrors, die von der Violine aufgegriffen werden. Dann wird es tänzerischer und rasender, bis die Solisten schließlich verstummen. Ein letztes Mal ertönt der Schrei einer unsichtbaren Violine, der Schrei einer verlassenen Seele, und alles endet auf einem letzten sehr hohen und dünnen Pfeifen und einer sehr schrillen Note aus dunklem Licht.

Die Kammermusik-Version des Orchesterstücks Khojaly 613 wurde im vergangenen Jahr in St. John’s, Smith Square, in London uraufgeführt. Diese Version ist ebenso tief bewegend wie die andauernd sich wiederholenden Gräueltaten auf unserem Planeten, hier und dort, damals und heute. Und wie vom Komponisten versprochen, war dieses Concerto in drei Sätzen mit Kadenz, Zurückhaltung und ohne jedes Pathos tatsächlich eine „Botschaft an das Herz“.

Elisabeth Schneiter, ResMusica (aus dem Französischen übersetzt: http://bit.ly/thilloy)

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